Rückblick Bedrohung durch Cybercrime

- Option Strafanzeige?

„I love you“, „Storm“ und „Wanna Cry“ – immer wieder überraschen neue Viren und Trojaner die digitale Welt und schädigen die betroffenen Unternehmen schwer. Und immer wieder berichten die Medien von kriminellen Attacken auf Datennetze und den Zahlungsverkehr von Unternehmen und Privatpersonen.

Zum Thema Cybercrime begrüßte die Volksbank mIttelhessen am 25.09.2017 mehr als 150 Unternehmer der Region zum MittelstandsKolleg im Gießener Forum. Das angekündigte Thema des Abends sorgte für großes Interesse und beste Resonanz. Dr. Lars Witteck, Generalbevollmächtigter der Volksbank Mittelhessen, hieß seine Gäste herzlich willkommen und gab den Unternehmern einen ersten Einblick in die Bedeutung der Thematik. Mit dem Phänomen Cybercrime sehen sich nicht nur private Internetnutzer, sondern vor allem Firmen jedweder Größe und Branche täglich konfrontiert. Laut einer aktuellen Studie der Bitkom wurde in den vergangenen zwei Jahren jedes zweite Unternehmen angegriffen.

Mittelhessen ist Standort vieler erfolgreicher Unternehmen. Leica, CLS Behring, Bosch, Pharmaserv, Viessmann - große Player von Weltrang sorgen genauso wie die zahlreichen mittelständischen Betriebe und Familienunternehmen für die enorme Wirtschaftskraft der Region. In Zeiten der wachsenden Bedrohung durch digitale Angriffe haben die mittelhessischen Unternehmen technisch weitgehend aufgerüstet. Die Abwehrmechanismen der IT sind insgesamt auf einem aktuellen Stand und doch versuchen es Kriminelle immer wieder, den Unternehmen der Region und damit der Wirtschaft massiv zu schaden.

In vielen Fällen ist dabei nicht eine technische Sicherheitslücke, sondern der Mensch die "Schwachstelle" im System. Welche Auswirkungen das haben kann, wie sich Unternehmen wirksam schützen und welche Handlungsoptionen bestehen, zeigte Referent Staatsanwalt Dr. Benjamin Krause, einer der führenden Experten für die Bekämpfung von Cybercrime. Staatsanwalt Dr. Krause ging in seinem Vortrag insbesondere auf die Gefahren des Social Engineering ein. Dieser Begriff beschreibt den Versuch Krimineller, sich das Vertrauen von Kunden oder Mitarbeitern in einem Unternehmen zu erschleichen. Ein regelrechter Trend ist die so genannte „Fake President“-Masche. Bei dieser Vorgehensweise geben sich die Kriminellen gegenüber Mitarbeitern einer Firma als Mitglied der Chefetage aus. Mit großem manipulativen Geschick und enormen Druck ergaunern die Betrüger oft Millionenbeträge.

Doch nicht einmal jedes dritte, betroffene Unternehmen schaltet in der Konsequenz staatliche Stellen ein. Oftmals aus Angst vor einem Reputations- und Imageverlust vermeiden die Opfer den Gang zur Polizei oder Staatsanwaltschaft. Dabei wäre die Anzeige dringende Voraussetzung für die Behörden, um ein realitätsnahes Lagebild erstellen zu können.

Referent Andreas Kötter, Leiter der Unternehmenssicherheit der Volksbank Mittelhessen, gab den Zuhörern einen Einblick in die Trends der Internetkriminalität bezogen auf die Bankenbranche. Kötter ging darauf ein, wie Angreifer ebenfalls mit den Techniken des Social Engineering versuchen, sensible Daten von Bankkunden abzugreifen. Ein beeindruckendes Beispiel aus der Unternehmenspraxis gab Reinhard Estor, Geschäftsführer der Firma Musik Meyer aus Marburg. Die Musik Meyer GmbH ist exklusiver Importeur führender Premium-Marken der Musikinstrumentenbranche und vertreibt als Großhändler sehr erfolgreich hochwertige Instrumente an den Fachhandel in Deutschland, Österreich, den Benelux-Staaten und im osteuropäischen Raum.

Estor berichtete wie der Angriff zunächst mit gezielten telefonischen Auskunftsersuchen in der Zentrale und in Fachabteilungen begann. Anschließend hackten die Kriminellen den dienstlichen E-Mail Account des Geschäftsführers, um in dessen Namen E-Mails mit konkreten Zahlungsanweisungen an die Fachabteilung zu senden. Gleichzeitig nahm eine Person, die sich als Rechtsvertreter einer dem Unternehmen verbundenen Kanzlei ausgab, den Kontakt zu den Mitarbeitern der Fachabteilung auf. Diese Person forderte die Auslösung einer SWIFT Eilt-Zahlung zwecks eines Unternehmenskaufs. Dank einer schnellen Reaktion ist es gelungen, außerhalb der Geschäftszeiten am späteren Abend den Zahlungsauftrag zu stoppen und damit einen immensen finanziellen Schaden von dem Unternehmen abzuwenden.

Mit den Veranstaltungen und Vorträgen des MittelstandsKollegs zeigt die Volksbank Mittelhessen unternehmerisch tätigen Kunden wichtige Trends und mögliche Handlungsalternativen auf. Ziel der Initiative ist es zudem, den Unternehmern der Region eine Plattform persönlichen und fachlichen Austausches anzubieten. Denn die Herausforderungen, denen sich die Firmenkunden im wirtschaftlichen Umfeld stellen müssen, werden zunehmend komplexer. Die Veranstaltungen des MittelstandsKollegs sollen Impulse und Entscheidungshilfen geben, die sowohl für strategische Planungen als auch in der täglichen Praxis anwendbar sind.

Dr. Lars Witteck mit den Referenten des Abends: Staatsanwalt Dr. Benjamin Krause, Reinhard Estor und Andreas Kötter.
Dr. Lars Witteck mit den Referenten des Abends: Staatsanwalt Dr. Benjamin Krause, Reinhard Estor und Andreas Kötter.